
18. März 2026
Studie: Vereinsförderung in Deutschland erreicht ihr Potenzial nicht
Zu komplex, zu wenig Wirkung: Die Förderung von Vereinen in Deutschland erreicht ihr Potenzial nicht. Kleine Summen können viel bewirken, kommen aber bei den meist Ehrenamtlichen häufig nicht an. Das ist das Ergebnis der von Westlotto geförderten Studie „Kleine Summen, große Hilfe?“, die erstmals bundesweit die Verteilung von Fördermitteln untersucht hat. Klar ist: Kleine finanzielle Hilfen sind für das lokale Engagement gerade angesichts knapper öffentlicher Kassen essenziell. Gleichzeitig empfinden Vereine und Initiativen den Aufwand für Antrag und Abwicklung als zu hoch und beklagen fehlenden Überblick in einer kaum durchschaubaren Förderlandschaft. Besonders gefragt sind Summen bis 5.000 Euro.
Die Studie von ZiviZ im Stifterverband und der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV NRW) steht ab sofort zum Download bereit und kann damit Politik, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Vereinen wichtige Hinweise geben. Sie zeigt: Mikroförderprogramme, bei denen kleinere Beträge beantragt werden können, sind an der Basis der Zivilgesellschaft immens gefragt. Knapp 40 Prozent der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland nutzen dieses Instrument bereits, um ihr lokales Engagement niedrigschwellig zu stärken. Aber wie werden diese Mittel eingesetzt und wo hakt es noch?
Die wichtigsten Ergebnisse der Fördermittelstudie im Überblick:
- Wofür das Geld fließt: Meistens werden Mikroförderungen für konkrete Anschaffungen wie Laptops oder Materialien (60 Prozent) sowie für die Durchführung von Veranstaltungen (45 Prozent) genutzt.
- Wer fördert: Bei der Vergabe spielen lokale und regionale Akteure wie Bürger- oder Sparkassenstiftungen mit fast 73 Prozent die Schlüsselrolle, ergänzt durch landes- und bundesweite Förderinstitutionen
- Die Hürden: Fast drei Viertel (73 Prozent) der Organisationen, die keine Mikroförderungen nutzen, wissen schlicht nicht von den Angeboten. Wer sie nutzt, klagt über die Bürokratie: Der zeitliche Aufwand für Antrag und Abwicklung liegt bei vier bis zehn Stunden (bis zu einem Arbeitstag).
- Der Wunsch nach mehr: Wohl auch aufgrund des Aufwands favorisieren 43 Prozent der Befragten Förderhöhen am oberen Rand (4.000 bis 5.000 Euro). Kleinstbeträge unter 500 Euro werden kaum als ideal betrachtet.
„Damit Mikroförderungen tatsächlich das Engagement vor Ort nachhaltig stärken können, ist es wichtig, dass Förderinstitutionen mit ihren Programmen rein ehrenamtliche Organisationen besser erreichen und dass der administrative Aufwand für Antragstellende insgesamt spürbar sinkt,“ erklärt Andrea Walter, Professorin für Politikwissenschaft und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen.
Studie und EhrenamtAtlas weisen in selbe Richtung
In diese Richtung weisen auch die Zahlen aus dem EhrenamtAtlas von WestLotto, dessen Entstehung Walter ebenfalls begleitet hat: Fast drei Viertel der Ehrenamtlichen geben dort an, dass Projekte nicht so oft am Geld scheitern dürfen. Die Fördermittelstudie offenbart eine deutliche Schere zwischen Organisationen mit und ohne bezahltes Personal. Organisationen mit hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werben Mittel strategischer über Netzwerke und Dachverbände ein und erhalten häufiger höhere Summen, oft von bundesweiten Akteuren. Rein ehrenamtlich getragene Organisationen agieren dagegen bei der Akquise oft isoliert und verlassen sich primär auf persönliche Kontakte (64 Prozent) oder eigene Webrecherchen (56 Prozent).
Auch bei den Engagementfeldern zeigen sich unterschiedliche Prioritäten: Während im Sport und im Umweltschutz klassische Ausrüstung im Fokus steht, nutzen Organisationen aus Kultur, Bildung und dem sozialen Sektor die Gelder häufiger für Veranstaltungen sowie für Honorare und Aufwandsentschädigungen.
„Förderinstitutionen sollten sich ihrer Steuerungswirkung bewusst sein“, betont Peter Schubert, Leiter von ZiviZ im Stifterverband. „Die Festlegung der Themenschwerpunkte oder der Förderhöhe entscheidet letztlich darüber, wer überhaupt eine Chance auf Unterstützung hat und wer durchs Raster fällt. So nehmen Geldgeber direkten Einfluss auf die Engagementlandschaft.“
Über ZiviZ im Stifterverband
Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ) ist ein Think&Do-Tank im Stifterverband, der mit Datenerhebungen und -analysen evidenzbasierte Entscheidungen ermöglicht. ZiviZ unterstützt Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik auf ihren Wegen zu einem wirksamen Engagement. ZiviZ arbeitet sektorenübergreifend und deckt mit dem ZiviZ-Survey und dem Monitor Unternehmensengagement die volle Bandbreite zivilgesellschaftlichen Engagements ab. www.ziviz.de Der Stifterverband ist eine Gemeinschaft von rund 3.500 engagierten Menschen, Unternehmen und Organisationen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Ziel seiner Arbeit ist, Bildung und Wissenschaft neu zu denken und zu gestalten, um die Innovationskraft der Gesellschaft nachhaltig zu stärken. Als zentraler Impulsgeber analysiert er aktuelle Herausforderungen, fördert Modellprojekte und ermöglicht deren Verbreitung in vielfältigen Netzwerken. Er vernetzt Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, entwickelt gemeinsam Ideen und stößt politische Reformen an. In seinem Wirken konzentriert er sich auf zwei Handlungsfelder: Bildung und Kompetenzen sowie Kollaborative Forschung und Innovation. www.stifterverband.org
Über Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV NRW)
Die Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen bildet mit über 14.000 Studierenden sowie 402 Hochschullehrenden die größte Verwaltungshochschule Deutschlands und feiert in diesem Jahr ihr 50. Bestehen. Durch ihre anwendungsorientierte Forschung leistet sie einen wertvollen Beitrag zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und Innovationen im öffentlichen Sektor. Andrea Walter ist Professorin für Politikwissenschaft und Soziologie und forscht u.a. zu Entwicklungen im zivilgesellschaftlichen Engagement und zur Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Verwaltung in der Daseinsvorsorge.