15. September 2026
„Junge Engagierte wollen mitentscheiden“
Wissenschaftlich fundiert – mit Wirkung in der Praxis: Der EhrenamtAtlas liefert mehr als 100.000 Daten zum Ehrenamt in ganz Nordrhein-Westfalen. Er ermöglicht eine tiefe Analyse des freiwilligen Engagements – und ist damit Grundlage für Maßnahmen und Initiativen, um Förderung gezielt auszurichten und Ehrenamt wirksam zu stärken.
Ein Beispiel ist die Gründung der Bingo! Ehrenamtsstiftung NRW durch WestLotto. Ebenfalls auf Grundlage der Daten des EhrenamtAtlas entstanden ist die Initiative Junges Ehrenamt für NRW, eine Kooperation von WestLotto und dem Netzwerk bürgerschaftliches Engagement NRW.
Der Hintergrund: Laut EhrenamtAtlas 2024 waren die 18- bis 29-Jährigen noch die engagierteste Altersgruppe in NRW – mit einer EhrenamtQuote von 58 Prozent. Nur zwei Jahre später ist sie auf 46 Prozent gefallen, ein Rückgang um 12 Prozentpunkte. Damit sind die Jüngsten heute die am wenigsten engagierte Altersgruppe.

Dieser Einbruch trifft auf eine ohnehin angespannte Lage. Denn gleichzeitig stehen die geburtenstarken Jahrgänge vor dem Rückzug aus dem Ehrenamt – durch Alter, Krankheit oder den Übergang in den Ruhestand. Vereine, Verbände und Organisationen sind auf Nachwuchs angewiesen. Bleibt er aus, droht dem Ehrenamt in NRW eine riesige Lücke.
Hier setzt die 2025 gegründete Initiative Junges Ehrenamt für NRW an: Junge Freiwilligendienstleistende aus unterschiedlichen Organisationen erarbeiten Lösungen für ein Ehrenamt, das zu ihrer Generation passt. Der zweite Jahrgang startet im Herbst 2026 und wird weitere Maßnahmen entwickeln und in die Organisationen tragen.
Prof. Dr. Andrea Walter, Ehrenamtsforscherin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, hat die Erstellung des EhrenamtAtlas wissenschaftlich begleitet. Im Interview spricht sie über junges Engagement.
Frau Walter, wie erklären Sie sich den Rückgang bei den unter 30-Jährigen?
Die Daten des EhrenamtAtlas NRW machen deutlich, dass junge Menschen unter enormem zeitlichem Druck stehen – 86 Prozent der nicht engagierten unter 30-Jährigen nennen Zeitmangel als Hauptgrund. Studium, Ausbildung und die Notwendigkeit, nebenbei Geld zu verdienen, lassen wenig Raum. Hinzu kommt: 63 Prozent geben an, sich mit dem Thema Ehrenamt bisher noch gar nicht beschäftigt zu haben. Das ist kein Zeichen mangelnder Bereitschaft – es fehlt oft schlicht der Kontakt, der Anlass, der erste Impuls. Gleichzeitig passen traditionelle Ehrenamtsstrukturen häufig nicht mehr zur Lebensrealität vieler junger Menschen: Feste Termine, langfristige Bindung oder eine Vereinskultur, die unterschwellig vermittelt „Das haben wir immer schon so gemacht“ können abschrecken. Was sich junge Engagierte wünschen, ist eindeutig: 91 Prozent wollen mitentscheiden, wann und wie sie sich einbringen.
Welche Konsequenzen hat das für die Ehrenamtslandschaft in NRW, wenn gleichzeitig die ältere Generation ihr Engagement niederlegt?
Wir sehen eine demografische Schere: Die über 60-Jährigen sind die aktivste Altersgruppe und investieren mit durchschnittlich 265 Stunden pro Jahr mit Abstand die meiste Zeit. Wenn diese Generation nach und nach in den Ehrenamtsruhestand geht, verlieren Vereine und Initiativen nicht nur Köpfe, sondern auch Erfahrung und Kontinuität. Gleichzeitig rücken zahlenmäßig weniger Jüngere nach. Für Organisationen, die derzeit stark von älteren Engagierten getragen werden, wie Kirchengemeinden oder Bürgerbusvereine, kann das existenzbedrohend werden. Viele von ihnen erbringen derzeit auch wichtige Angebote der Daseinsvorsorge. Gerade in kleinen Kommunen halten Engagierte oft Angebote aufrecht, die andernfalls wegbrechen würden, etwa das Betreiben von Dorfläden oder Schwimmbädern.
Die Bereitschaft junger Menschen ist grundsätzlich da. Was muss sich ändern, damit aus Bereitschaft auch Engagement wird?
83 Prozent der nicht engagierten unter 30-Jährigen können sich vorstellen, ein Ehrenamt auszuüben. Das Potenzial ist riesig. Aber es muss an vier Hebeln angesetzt werden: Erstens Sichtbarkeit und Gelegenheiten – junge Menschen brauchen Anlässe und Orte, an denen sie mit Engagement in Berührung kommen, ob in der Schule oder Hochschule, bei lokalen Events oder über Social Media. Zweitens Attraktivität – Engagement muss flexibel und portionierbar sein, um zum Beispiel Zeit für Prüfungsphasen und andere zeitliche Engpässe zu haben. Drittens Augenhöhe – junge Menschen wollen mitgestalten sowie Feedback erhalten und geben, nicht nur zuarbeiten. Und viertens Anerkennung – nicht primär durch Urkunden, sondern durch gute Rahmenbedingungen: Qualifizierung, Aufwandsentschädigungen, Arbeitgeberfreistellungen. Organisationen, die an diesen vier Stellschrauben arbeiten, können junge Menschen für ein Engagement gewinnen.

Ehrenamtsforscherin Prof. Dr. Andrea Walter (Foto: Hardekopf)